Nach dem Abschluss intensiver stationärer Programme zur Behandlung von substanzgebundenen Störungen (SUD) befinden sich Patient:innen in einer sensiblen Übergangsphase. Der Wechsel von der strukturierten klinischen Umgebung zurück in den Alltag führt häufig zu Behandlungslücken, wodurch das Rückfallrisiko signifikant steigt. Eine Machbarkeitsstudie hat genau diese kritische Schnittstelle adressiert.
Initiiert vom Healthtech-Startup Stigma Health GmbH coobi in Kooperation mit der P3 Klinik GmbH sowie dem Praxiszentrum im Tal, untersuchte dieser Pilot, wie digitale Tools die therapeutische Kontinuität sichern können. Die vom European Digital Innovation Hub (EDIH) Saxony mitfinanzierte, fünfmonatige Zusammenarbeit verdeutlichte, wie digitale Gesundheitsplattformen und traditionelle medizinische Einrichtungen erfolgreich verschmelzen, um die Patientenversorgung nachhaltig zu modernisieren.
Im Zentrum des Pilotprojekts stand „coobi care“, ein CE-zertifiziertes Medizinprodukt zur Unterstützung in Hochrisikophasen. Das System basiert auf einer dualen Plattform: einer mobilen App für Patient:innen und einem intuitiven Dashboard für Kliniker:innen. Die App fördert therapeutische Routinen durch interaktive Module sowie Gamification und nutzt Wearable-Technologie zur Erfassung biometrischer Daten wie der Herzfrequenzvariabilität (HRV) und Schlafmuster.
Durch die Analyse dieser Werte liefert coobi care personalisierte Einblicke und Frühwarnungen bei Rückfallrisiken. Das klinische Dashboard ermöglicht den Therapeut:innen der P3 Klinik und den Berater:innen im Praxiszentrum im Tal Zugriff auf Echtzeitdaten, um Verhaltensmuster frühzeitig zu erkennen und proaktiv zu intervenieren. Dieses Modell der ambulanten Suchttherapie (Blended Care) schließt somit die traditionellen Lücken in der Suchttherapie.
In komplexen Gesundheitssystemen erfordern theoretische Modelle ein hohes Maß an Flexibilität. Der initiale Kick-off-Workshop machte deutlich, dass ein sofortiger Start der Tests die Qualität gefährden könnte. Mit der Agilität eines Start-ups passte das Konsortium seine Strategie an einen dreistufigen Implementierungsprozess an: Zunächst erfolgten Tests mit dem klinischen Personal zur Sicherstellung einer tiefen Integration, gefolgt von der Optimierung der Arbeitsabläufe in zweiwöchentlichen Jour Fixes und schließlich der Validierung unter realen Bedingungen durch die Aufnahme von Patient:innen.
Die Machbarkeitsstudie ermöglichte der P3 Klinik einen effizienten und risikominimierten Weg zur digitalen Transformation. Durch den Fokus auf die Personalintegration konnte coobi care ohne Störung der therapeutischen Routinen implementiert werden. Dieser Ansatz stärkte das interne Vertrauen und erlaubte die Erhebung medizinischer Ergebnisdaten, wie etwa zur Verbesserung der Gesundheitskompetenz. Die Entscheidung der Klinik, die Plattformnutzung auszuweiten, unterstreicht den Erfolg dieser Integration.
Innovation vorantreiben ohne zusätzliche Belastung
Die adaptive Umsetzung führte zu signifikanten Ergebnissen und wichtigen Meilensteinen:
Die Erkenntnisse dienen als Blaupause für künftige Kooperationen. Die Co-Kreation erwies sich als entscheidender Faktor, um sicherzustellen, dass sich digitale Tools nahtlos in klinische Routinen einfügen. Die UX-Lernkurve zeigte zudem, dass Patient:innen spezifische Onboarding-Zeiten benötigen. Letztlich ist eine rigorose Qualitätssicherung für das Vertrauen in digitale Therapien unerlässlich.
Fotos: coobi
Das Pilotprojekt von coobi und der P3 Klinik hat bewiesen, dass die Verknüpfung von Start-up-Agilität mit medizinischer Expertise die Versorgung von Patient:innen entscheidend voranbringt. Durch die Messung langfristiger Erfolge wie Selbstwirksamkeit und Rückfallreduzierung haben die Partner die Weichen für die Zukunft der ambulanten Suchttherapie (Blended Care) gestellt.
Dieses Gemeinschaftsprojekt wurde von EDIH Saxony mitfinanziert. Als Teil des Programms European Digital Innovation Hubs (EDIH) der Europäischen Union unterstützt EDIH Saxony Unternehmen, insbesondere kleine und mittlere Unternehmen sowie Organisationen des öffentlichen Sektors, umfassend bei der Integration digitaler Technologien. Durch die Förderung von Forschung, Entwicklung und Implementierung digitaler Innovationen trägt EDIH Saxony zur Stärkung der regionalen Wirtschaft und zur Steigerung der digitalen Transformation bei.